Einheitsprämie

Wie einheitlich ist eine Einheitsprämie wirklich?

Wie solidarisch sind die Gesundheitssysteme in Deutschland, den USA und der Schweiz? Ein Blick auf die Prämienberechnung offenbart verschiedene Arten von Solidarität.

In den Prämien der sozialen Krankenversicherung manifestiert sich Solidarität ganz konkret. Die Prämienstruktur legt direkt fest, welche Gruppe von welcher anderen finanziell unterstützt wird – oder eben auch nicht. Gleiche Prämien für alle werden insbesondere in europäischen Staaten als unabdingbare Voraussetzung für eine «soziale» Krankenversicherung angesehen. Wer aber genau hinschaut, erkennt bald: «All (…) are equal but some (…) are more equal.» («Alle sind gleich, aber einige sind gleicher».)

Deutschland

So gilt für die soziale Krankenversicherung Deutschlands (die sogenannte Gesetzliche Krankenversicherung), dass die Prämie für einen Süddeutschen in Konstanz nicht von der Prämie in Flensburg – weit im Norden – abweichen soll. Dasselbe gilt auch für Wessi und Ossi. So viel Solidarität hat den unschönen Nebeneffekt, dass es für die Einwohner im teuren Hamburg ungemein schwieriger ist, eine Versicherungsdeckung zu bekommen, als für den Bayern auf dem Land.

Schweiz

Ganz anders dagegen die «Gleichheit» in der Schweiz. Vom föderalistischen Selbstverständnis her ist es geradezu selbstverständlich, dass Appenzeller in Innerrhoden eine andere Prämie bezahlen als Appenzeller in Ausserrhoden. Immerhin werden in der ganzen Schweiz die Mittzwanziger gleich behandelt wie die Senioren.

Amerika

Und was machen die Amerikaner? Obama Care, die grosse Krankenversicherungsreform des amtierenden Präsidenten, bringt zwar unbestritten mehr Solidarität ins US-Gesundheitssystem und verhindert damit beispielsweise, dass Obdach- oder Arbeitslose ohne Versicherungsschutz dastehen. Dabei ist es aber ebenso klar für den US-Bürger, dass nur schon die 65-Jährigen drei Mal mehr Prämie bezahlen sollen als die jungen Erwachsenen. Und Raucher zahlen grundsätzlich 50 Prozent mehr.

Prämiensolidarität in Deutschland, den USA und der Schweiz

«Einheitsprämien»

Alle diese «Einheitsprämien» widerspiegeln das jeweilige kulturelle Selbstverständnis. Wo die drei Staaten allerdings übereinstimmen, ist bei der Gleichbehandlung beider Geschlechter. Alle drei kennen die Prämiengleichheit für Mann und Frau. Wer nun aber meint, das deutsche System sei mit Abstand das solidarischste, dem sei noch Folgendes in Erinnerung gerufen: Die deutsche Prämiensolidarität gilt nur für geringe und mittlere Einkommen, in der Schweiz hingegen für alle Einwohner und in den USA für alle, die mitmachen wollen. Es gibt in dieser Frage kein richtig oder falsch, denn auch für den internationalen Einheitsprämienvergleich gilt: «One size doesn’t fit all.»

 

Prof. Dr. Konstantin Beck ist Leiter des CSS Instituts für empirische Gesundheitsökonomie und Titularprofessor der Universität Zürich in Gesundheitsökonomie und empirischer Wirtschaftsforschung. 

Beitrag aus der gesundheitspolitischen Publikation “im dialog” 2/2015

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