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Franchise: Wem nützt die starke Regulierung?

Die obligatorische Krankenpflegeversicherung ist bereits heute stark geregelt. Die Politik bleibt aber nicht stehen und überarbeitet eifrig geltende Bestimmungen oder schafft gar neue Gesetze – leider nicht immer im Sinne der Versicherten.

Stetige Zunahme der Regulierungsdichte

Die Regulierungsdichte nimmt seit Jahr und Tag zu. Neue Untersuchungen zeigen, dass der Trend zu einer verstärkten Regulierung ungebrochen ist. Eine Umfrage des Weltwirtschaftsforums (WEF) aus dem letzten Jahr bestätigt das: Ein Drittel aller für die Unternehmensführung als problematisch erachteten Faktoren in der Schweiz stehen direkt mit Regulierungen in Zusammenhang. Diese Tendenz lässt sich auch im Gesundheitswesen feststellen. Die Politik verspricht sich von neuen Vorschriften und Projekten, den Kostenanstieg zu dämpfen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben indes gezeigt, dass der Effekt meist gegenteilig ist.

Und plötzlich sind es nur noch drei Franchisen

Jüngstes Beispiel ist die geplante Anpassung der Krankenversicherungsverordnung. Der Bundesrat möchte die Wahlfranchisen von 1000 und 2000 Franken bei Erwachsenen streichen. Es verblieben dann noch die ordentliche Franchise von 300 Franken sowie die drei Wahlfranchisen von 500, 1500 und 2500 Franken, auf welche die Versicherer heute einen Prämienrabatt von maximal 70 Prozent gewähren dürfen. Zudem soll der maximale Rabatt auf die beiden höchsten Wahlfranchisen gesenkt werden. Damit würde die Regierung die Prämien verteuern. Denn hohe Wahlfranchisen stärken erwiesenermassen die Eigenverantwortung und wirken kostendämpfend. Sie verhindern, dass Versicherte wegen Bagatellen einen Arzt aufsuchen. Machen sie dies trotzdem, belasten sie damit nicht die Grundversicherung. Noch ist es nicht soweit: Aufgrund zahlreicher Kritik hat der Bundesrat kürzlich verlautet, sein Projekt nochmals zu überdenken. Und er tut gut daran: Die geplante Reform ist ein politischer Eingriff, der am Ziel vorbeischiesst und dazu die Wahlfreiheit der Versicherten einschränkt.

Auf Kosten der Versicherten

Aber auch gänzlich neue Projekte drohen die Prämien künftig zusätzlich zu verteuern. So plant der Bund eine Erhöhung des Präventionsbeitrags um fünfzig Prozent. Dieser beträgt derzeit jährlich 2.40 Franken pro Person. Damit finanzieren die Versicherten über ihre Prämien die Aktivitäten der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Gezielte Prävention macht durchaus Sinn und wirkt langfristig kostendämpfend. Die Frage darf jedoch gestellt werden, ob sämtliche neuen Projekte durch die Grundversicherung finanziert werden müssen. Das gilt auch für die geplanten Bestrebungen des Bundes zur Steigerung der Qualität im Gesundheitswesen. Die Absicht ist gut, hätte aber wiederum Mehrkosten von jährlich 3.50 Franken pro Person zur Folge. Die Beträge mögen zwar klein erscheinen. Doch bekanntlich macht Kleinvieh auch Mist. In diesem Sinne appellieren die Krankenversicherer an die Politik, das Fass nicht zum Überlaufen zu bringen.

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4 Kommentare zu “Franchise: Wem nützt die starke Regulierung?

  1. Ist es gerecht, wenn ein Versicherter solange er gesund ist eine hohe Franchise wählt und bis zu 80% Prämienbeiträge spart und wenn er krank ist, sofort (auf das neue Jahr) ungeachtet seiner gesundheitlichen Verfassung in eine niedrige Franchise wechseln kann? Da frage ich: wo ist die gerechte soziale Umverteilung?

    1. Liebe Clivia

      Vielen Dank für Ihre spannenden Überlegungen. Es gibt Untersuchungen die zeigen, dass Versicherte mit hohen Franchisen nicht sehr oft zurück in tiefe Franchisen wechseln, sogar wenn sie krank sind. Damit übernehmen sie viel Eigenverantwortung, was allen anderen Versicherten in der Solidargemeinschaft zugute kommt. Ihre Überlegung beschäftigt jedoch auch die Politik. Nationalrat Roland Borer reichte 2015 einen Vorstoss im Parlament ein, der genau diese Überlegungen thematisiert und verlangt, dass Franchisen an dreijährige Verträge gebunden werden – damit solche Wechsel eben nicht möglich sind.

      Wir hoffen, Ihnen mit diesen Informationen Ihre Fragen zu beantworten. Bei weiteren Fragen können Sie sich gerne an socialmedia.team@css.ch wenden.

  2. Ich glaube, dass die hohen Franchisen an ihrem Ziel vorbeischiessen, denn die finanzielle Belastung für eine vierköpfige Familie liegt dadurch beispielsweise bei 2x 2500 und 2×600 = 6100). Wer geht da überhaupt noch zum Arzt? Ich denke, dass man dadurch zwar nicht gleich zum Arzt geht (um natürlich Geld zu sparen) und daher viele Krankheiten verschleppt, und dann erst später richtig ausbrechen werden, aber dann sind sie viel kostenintensiver. Gibt es darüber auch Statistiken? Und gibt es überhaupt Statistiken darüber, wieviel Geld den Versicherungen durch die günstigeren Prämienbeiträge entgehen? Hohe Franchise bis zu 80% weniger Prämie für die Krankenkassen!

    1. Liebe Clivia

      Vielen Dank für Ihre Überlegungen. Durch die Kostenbeteiligung wird die Eigenverantwortung und das Kostenbewusstsein beim Versicherten gestärkt, wie Sie das richtig schreiben. Wie Sie es ansprechen, gibt es Studien darüber, ob eine hohe Franchise Personen daran hindert zum Arzt zu gehen und damit längerfristig Mehrkosten verursachen. Das Phänomen heisst in der wissenschaftlichen Sprache „Moral Hazard“ (moralisches Risiko: Individuen verhalten sich aufgrund ökonomischer Fehlanreize verantwortungslos oder leichtsinnig und verstärken damit das Risiko). Studien aus der Schweiz zeigen, dass mit höheren Franchisen echte Einspareffekte für die ganze Gemeinschaft erzielt werden können. Unabhängig davon, ob einzelne Personen sich vielleicht zu spät beim Arzt melden und dadurch mehr Kosten verursachen. Einen ausführlichen Artikel dazu findet man in der Schweizerischen Ärztezeitung. Im Blogartikel „Wozu gibt es Wahlfranchisen“ finden Sie weitere Informationen zu den Franchisen. Hier ist auch ein Link zu den Ausführungen des Bundesrates dabei. Dieser hat mit Simultationen der Versichertendaten vom Jahr 2013 gezeigt: Eine Anhebung der Minimalfranchise um 100 Franken würde Einsparungen von 220 Millionen Franken ergeben – die wiederum der ganzen solidarischen Gemeinschaft zu gute kämen.

      Ich hoffe, Ihnen mit diesen Fragen Antworten zu liefern. Bei weiteren Fragen können Sie uns auch unter socialmedia.team@css.ch erreichen.

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