Physiotherapeut Peter Ziegler

«Auf Kosten der Qualität» – Physiotherapeut gibt Auskunft.

Wie wirkt sich der Tarifstreit zwischen dem Verband physioswiss und den Krankenversicherern auf den Alltag eines Physiotherapeuten aus? Peter Ziegler, der in Altdorf (UR) eine Praxis führt, gibt Auskunft.

Peter Ziegler erinnert sich, als ob es gestern gewesen wäre. Im Jahr 2000, zu Beginn seiner vierjährigen Ausbildung zum Physiotherapeuten, bekam er vom damaligen Ausbildungsleiter zu hören, dass ihre Berufsgattung am Ende der Ausbildung rund zehn Prozent mehr verdienen würde. Tatsächlich jedoch mussten 14 Jahre vergehen, bis sich in der Tariflandschaft etwas bewegte. Heute streiten sich der Verband physioswiss und die Krankenkassen CSS, Helsana, KPT und Sanitas um die Tarife.

Gleiche Behandlung, verschiedene Tarife

Für Peter Ziegler bedeutet die gegenwärtige Situation, dass er bei Patienten, die er über Krankenversicherer abrechnet, zwei verschiedene Tarife anwenden muss. Solange es nicht rückwirkend zu Anpassungen kommt, generiert das keinen Mehraufwand. Doch für die Praktizierenden sind die verhärteten Fronten befremdend. «Wie ist es möglich, dass man sich über eine so lange Zeit nicht einigen kann?», fragt sich der Physiotherapeut.

Peter Ziegler hat aber noch keine Sekunde lang bereut, diesen Beruf ergriffen zu haben. Seit bald vier Jahren ist er selbständig und beschäftigt mittlerweile zwei Mitarbeiterinnen in seiner Praxis in Altdorf. Der Grund seiner Berufswahl liegt in eigenen positiven Erfahrungen: Beim Snowboarden brach er sich beide Ellbogen. «Ohne Physiotherapie wäre der Heilungsprozess nicht so reibungslos verlaufen», so der 37-Jährige. Nun ist es für ihn eine grosse Genugtuung, anderen Menschen zu helfen. «Ich erfahre sehr viel Wertschätzung von meinen Patienten.»

Physiotherapie anstatt Operation

Mit einer korrekten Behandlung kann der Physiotherapeut unter Umständen nachfolgende Operationen verhindern, oder er verhilft den Patienten zu mehr Bewegungsfreiheit. Die positiven Auswirkungen dieser Arbeit sind allerdings längst nicht immer im Sinne der «evidence-based medicine» objektiv messbar. Darin ortet Peter Ziegler einen möglichen Grund, warum die Physiotherapeuten schon so lange nach dem gleichen Tarif verrechnen müssen. Einen anderen Grund sieht er darin, dass die Physiotherapie einst ein klassischer «Frauenberuf» war und somit nicht als Haupteinnahmequelle angeschaut wurde. Der Netto-Stundenlohn eines Physiotherapeuten liegt heute bei rund 33 Franken. «Den Physiotherapeuten fehlt eine starke Lobby», ist Peter Ziegler überzeugt.

Unflexibles Vergütungssystem

Irritierender als die Tatsache, dass sich Verband und Krankenversicherer nicht auf einen Tarif einigen können, ist für Peter Ziegler die Starrheit des Vergütungssystems. Unter den geltenden Tarifen kann ein Patient kaum länger als 30 Minuten behandelt werden, wenn eine Praxis wirtschaftlich funktionieren soll. Möchte ein Physiotherapeut heute also mehr verdienen, müsste er die reguläre halbstündige Behandlungszeit verkürzen, um mehr Patienten aufnehmen zu können. Das kommt für Peter Ziegler aber nicht in Frage. «Ich will ganz einfach das Beste für meine Patienten erreichen und hinter meiner Arbeitsweise stehen können.»

Das unflexible Vergütungssystem werde auch den Qualitätsansprüchen einzelner Physiotherapeuten nicht gerecht. «Ein Physiotherapeut, der sich laufend fortbildet und dadurch auf eine breitere Palette an Behandlungsmethoden zurückgreifen kann, verdient gleich viel wie jener, der sein Wissen lediglich im Rahmen der minimal erwarteten Ausbildungstage erweitert.» Das gehe langfristig auf Kosten der Qualität. Es sei deshalb der falsche Weg, in dieser verworrenen Situation Stimmung gegen die Krankenversicherer zu machen. «Wir müssen den Krankenversicherern und der Gesellschaft vielmehr zeigen, dass unsere Arbeit mehr wert ist», so Peter Ziegler.

In der Tat lehnen CSS, Helsana, Sanitas und KPT die Forderungen von physioswiss nicht deshalb ab, weil sie den Physiotherapeuten partout keine höheren Tarife vergüten möchten. Vielmehr verlangen sie als Grundvoraussetzung für eine Tarifanpassung eine aktualisierte Tarifstruktur. Denn die Forderungen der Physiotherapeuten nach Abbildung ihrer Qualifikationen, sachgerechten Kosten und zeitgemässen Geschäftsmodellen machen das unumgänglich.

Hohe Verantwortung, viel Autonomie

Die Freude am Beruf lässt sich Peter Ziegler durch die Tarifstreitigkeiten nicht nehmen. «Es ist für mich jedes Mal eine grosse Genugtuung, etwas dazu beizutragen, die Lebensqualität meiner Patienten zu erhöhen.» Ansporn sind für ihn auch die hohe Verantwortung und Autonomie. «Es gibt so viele Richtungen, in die man sich als Physiotherapeut vertiefen kann. In der Arbeit mit den Patienten entscheide ich dann selber, welche Behandlung am ehesten zum Ziel führt.» Physiotherapeuten müssen ein grosses medizinisches Wissen mitbringen und schnell erfassen, wo die Hauptquelle des Problems liegt. Rückenschmerzen beispielsweise können viele Ursachen haben, manchmal spielen auch psychosoziale Faktoren mit hinein. «Darum sollten Physiotherapeuten auch über eine hohe Sozialkompetenz verfügen», so Peter Ziegler.

Er hofft, dass der vertragslose Zustand bald der Vergangenheit angehört, sonst müsse man sich längerfristig Sorgen um die Zukunft des Berufsstandes machen. Gerade wegen der Einkommenssituation kommt es schon heute immer wieder vor, dass Physiotherapeuten dem Beruf den Rücken kehren.

 

Peter Ziegler arbeitet seit zehn Jahren als Physiotherapeut, vier Jahre davon selbständig in seiner Praxis Physiotherapie Ziegler in Altdorf (UR). Er hat ursprünglich Offsetdrucker gelernt und einst einen Wintersportshop geführt.

Beitrag aus der gesundheitspolitischen Publikation “im dialog” 1/2015.

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