Welchen Einfluss hat Licht auf unseren Körper?
(Gettyimages)

Welchen Einfluss hat Licht auf unseren Körper?

Chronobiologe Christian Cajochen erklärt, warum wir trotz künstlichem Licht tagaktive Wesen geblieben sind. Und dem Wechsel zwischen hell und dunkel automatisch folgen.

Herr Cajochen, welche Bedeutung hat Licht für Sie als Chronobiologe?

Licht ist der wichtigste äussere Zeitgeber für die innere Uhr, jenen im Menschen angelegten Rhythmus, der vorgibt, wann wir wach sind und wann wir schlafen, wann die zur Tages- oder Nachtzeit passenden Körpervorgänge in Gang gesetzt werden. Auf unserem Forschungsgebiet hat sich viel getan, seit vor 15 Jahren ein zusätzlicher Fotorezeptor im Auge entdeckt wurde. Er ist für diese Lichtwirkung verantwortlich. Wir wissen jetzt ebenfalls, dass nicht nur die Intensität des Lichts wichtig ist, sondern auch seine Farbzusammensetzung. So gibt es Hinweise aus Tierstudien, dass grüne Lichtanteile direkt in Hirnareale gelangen, die für den Schlaf verantwortlich sind.

Christian Cajochen


Chrstian Cajochen ist Leiter der Abteilung Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Der Verhaltensbiologe schloss sein Studium an der ETH Zürich mit einem Doktorat ab und absolvierte anschliessend ein dreijähriges Postdoc an der Harvard Medical School in Boston (USA). Er befasst sich unter anderem mit der Rolle der nicht-visuellen Lichtwirkung, etwa den Einfluss auf den Schlafrhythmus oder die Stimmung.

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Was bewirkt Licht im Körper darüber hinaus?

Da gibt es natürlich mannigfache, lebensnotwendige Effekte, wobei wir uns auf jene konzentrieren, die übers Auge, nicht über die Haut ausgelöst werden. Licht wirkt beispielsweise in Hirnarealen, die fürs Lernen wichtig sind oder dafür, Emotionen zu verarbeiten und zu speichern. Was man schon länger weiss: Licht hat einen Einfluss auf verschiedene Hormone. Es unterdrückt das Dunkelhormon Melatonin. Dafür wird mehr Serotonin ausgeschüttet, das die Stimmung hebt und vereinfachend auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird.

Wirkungen, die sich therapeutisch nutzen lassen?

Ja, wir setzen Licht unter anderem bei saisonaler Depression ein, unter der zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden. Diese Winterdepression ist nicht zu verwechseln mit dem Winterblues, von dem ungefähr jeder Dritte betroffen ist. Beide Phänomene hängen damit zusammen, dass Tageslicht im Winter rar ist. Bei Winterdepression sind die Symptome aber gravierender. Neben Müdigkeit und depressiver Verstimmung ist Kohlenhydrate-Heisshunger typisch. Betroffene futtern sich eine Fettschicht an und nehmen bis zu fünfzehn Kilo zu. Gegen Winterdepression helfen Therapien mit speziellen Lampen sehr gut. Diese wirken ebenfalls bei nicht-saisonaler Depression. In neuen Studien wurde bewiesen, das Licht ein sehr potentes Anti-Depressivum ist.

Sie behandeln auch Patienten, deren Tag-Nacht-Rhythmus aus dem Lot geraten ist. Wann kann dies der Fall sein?

Das ist bei Schichtarbeitern typisch. Sie sind einer ständigen Fehlinformation ausgesetzt. Während der Nacht sehen sie Licht. Ihre innere Uhr nimmt an, es sei Tag, versucht sich anzupassen und umzustellen. Aber der Körper ist überfordert, seine ganzen biochemischen Abläufe geraten durcheinander. Es kommt zum „Chrono-Chaos“ und auf längere Sicht zu gesundheitlichen Problemen, massive Schlafstörungen zählen dazu. Es lässt sich mit einem Jetlag vergleichen. Während ein Reisender sich aber nach ein paar Tagen an den neuen Hell-Dunkel-Wechsel gewöhnt hat, kommt ein Schichtarbeiter nie in der neuen Zeitzone an.

Wir können die Nacht also nicht zum Tag machen?

Nein, wir sind eine tagaktive Spezies geblieben und dazu prädestiniert, in der Nacht zu ruhen. Unser Körper steht unter dem Diktat der inneren Uhr. Sie ist seit jeher auf den 24-Stunden-Takt einer Erdumdrehung und somit dem natürlichen Licht-Dunkel-Wechsel angepasst. Daran haben auch die Anforderungen in unserer modernen Arbeitswelt und die technischen Möglichkeiten mit künstlicher Beleuchtung nichts geändert.

Dennoch zwingt uns unsere Gesellschaft in Schemen. Auch Spätaufsteher haben es schwer.

In der Schweiz oder in Deutschland ist das sicher so, aber gehen Sie nach England, Frankreich oder Italien – vor neun Uhr morgens läuft da nicht viel.

Lässt sich ein Spätaufsteher zum Frühaufsteher umpolen?

In gewissen Grenzen ist dies möglich, die Grund-Chronotypen – Lerche oder Eule – sind jedoch genetisch festgelegt. Wir sehen das bei Schülern. Spättypen – fast alle Jugendlichen zählen dazu – müssen dann im Unterricht sein, wenn ihr Leistungstief am grössten ist, also das für den Tag-Nacht-Rhythmus verantwortliche Melatonin sein Maximum erreicht hat. Betroffene brauchen eine bis drei Stunden, ehe sie in die Gänge kommen. Ältere haben es einfacher. Ihr Melatonin-Höchststand hat sich auf drei oder vier Uhr morgens vorverlegt.

Warum dies?

Wir wissen es noch nicht genau, aber es scheint eine normale Entwicklung zu sein. Mit zunehmenden Alter werden Menschen „lerchiger“, selbst wenn sie einmal ausgesprochene Eulen waren. Früh aufstehen fällt den meisten älteren Leuten leichter, und im Gegensatz zu jüngeren Jahren sind sie morgens leistungsfähiger.

Sie erwähnten das Kunstlicht. Wir halten uns heute die meiste Zeit in geschlossenen Räumen auf. Bräuchte es dafür bessere Beleuchtungs-Konzepte?

Damit befassen sich Wissenschaftler intensiv. Zwar gibt es Normen für Bürobeleuchtungen, sie aber sind aufs visuelle Sehen ausgerichtet. Richtlinien für die nicht-visuelle Lichtwirkung fehlen. Die Fragestellung hier lautet: Wie viel und welches Licht braucht ein Raum, um eine gesundheitsfördernde Wirkung zu erzeugen? Schlüssige Antworten darauf werden zurzeit gesucht.

Lautet eine Antwort, in Räumen Tageslicht zu simulieren?

Möglicherweise, und es wird bereits getestet. Auch wir experimentieren damit. Eines unserer Modelle hat einen dynamischen Tageshimmel, der aber noch verbessert werden muss – die Wolken etwa müssen sich in der richtigen Geschwindigkeit bewegen. Die Idee ist, den Himmel ins Büro zu holen, natürliche Lichtverhältnisse zu schaffen. An vielen Arbeitsplätzen sehen Angestellte schliesslich stundenlang kein Tageslicht, zum Beispiel in den Lebensmittel-Abteilungen der Warenhäuser.

Würden Sie sagen, dass Ihr Büro gut ausgeleuchtet ist?

Nein, es ist insgesamt zu dunkel. Immerhin aber habe ich grosse Fenster und tagsüber genügend natürliches Licht. Und empfinde es als wohltuend, ins Grüne schauen zu können.

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