Schlaflabor

Was passiert im Schlaflabor?

Menschen mit schweren Schlafbeschwerden erhalten in einem Schlaflabor Hilfe. Doch was passiert dort genau? Eine Nacht in der Klinik für Schlafmedizin in Zurzach.

Es ist, als verpasste man mir einen Massanzug. Vermessen werden aber nicht Arme, Beine und Brustkorb. Vielmehr hantiert Ingrid Findling, Fachfrau für neurophysiologische Diagnostik und Leiterin Pflege in der Klinik für Schlafmedizin Zurzach (KSM), mit dem Messband an meinem Kopf herum, macht hier eine rote Markierung, setzt dort einen Strich. Seit bald zwanzig Jahren arbeitet sie in der KSM und hilft mit, dass Menschen im dortigen Schlaflabor ihren Schlafstörungen auf den Grund gehen können.

Peeling auf der Kopfhaut

«Mit einer Peelingpaste raue ich nun Ihre Kopfhaut auf», erklärt Ingrid Findling. Und schon bald hat sie mit einem Spezialmittel insgesamt sechs Elektroden auf den aufgerauten Stellen aufgeklebt. «Wird hart wie Gips.» Muss es auch, sollen doch die Elektroden während des Schlafs im Zurzacher Schlaflabor nicht abfallen. Sie werden es erlauben, jede Sekunde meines Schlafes zu analysieren und am kommenden Morgen auszuwerten. Ergänzt werden die Elektroden durch weitere «Anschlüsse» an Stirn, Brust, Beinen, Hals und Kinn. All diese Verkabelungen ermöglichen es, nicht bloss die Hirnströme zu messen, sondern auch die Atmung, die Muskelspannung, die Augenbewegungen, den Herzschlag und allfällige Schnarchaktivitäten – schlicht alles, was im weitesten Sinne mit Schlaf zu tun hat. Denn nur wenn alle Parameter aufgezeichnet sind, kann der Facharzt eine exakte Auswertung vornehmen, eine verlässliche Diagnose stellen und falls nötig weitere Schritte einleiten.

Ärztliche Analyse

Einer von ihnen ist Dr. med. Jens Acker, Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie. Stunden vor meiner «Verkabelung» in der KSM – der Schweizer Pionierklinik in Sachen Schlaf – hat der leitende Arzt Psychiatrie der KSM anhand diverser Fragebogen meine Schlafsituation analysiert und im gemeinsamen Gespräch erläutert. Hinweise auf eine allfällige Schlafstörung – und von denen gibt es rund hundert – findet er keine. «Ihre Schlafmenge von rund fünf Stunden liegt jedoch in einem Grenzbereich», mahnt er.

Mittlerweile hat Ingrid Findling rund zwanzig Kabel in die sogenannte Headbox auf dem Nachttischchen eingestöpselt. Im Überwachungsraum testet sie sämtliche Anschlüsse. Und dann «gute Nacht». Stille. Aus den Nebenzimmern ist kein Geräusch zu vernehmen. Klar, wer in die KSM kommt, will nur eines: schlafen. Oder eben herausfinden, weshalb dies nicht möglich ist. Langsam döse ich weg, im Wissen darum, dass all meine Bewegungen und Geräusche in den kommenden Stunden vom Computer registriert und von einer Kamera aufgezeichnet werden.

Kurz nach fünf Uhr liege ich – nicht zum ersten Mal – wach. Was tun? Zuhause würde der Wecker läuten. Doch hier? Ich drehe mich nochmals um und schlafe bis 6.30 Uhr weiter, bevor endgültig die Zeit zum Aufstehen gekommen ist. Doch zuerst heisst es, sämtliche Kabel- und Klebeverbindungen zu lösen, bevor bereits die erste «Hausaufgabe» ruft: das morgendliche Schlafprotokoll. Wie erholsam war der Schlaf? Mittelmässig. «Wie oft waren Sie wach?» Acht Mal. So exakt wie möglich versuche ich, mich an die vergangenen knapp acht Stunden zu erinnern und meine Angaben zu Papier zu bringen.

Die Stunde der Wahrheit

Einige Zeit später kommt im Überwachungsraum der Klinik die Stunde der Wahrheit. Gemeinsam mit Jens Acker sitze ich vor einem Bildschirm mit unzähligen Kurven, Diagrammen und Grafiken. Sie zeigen im Sekundenrhythmus sämtliche meiner Nachtaktivitäten – und auf einem kleinen Bildschirm sehe ich mein schlafendes Konterfei. «Ihre Schlafeffizienz hat knapp 90 Prozent betragen, das heisst, von der Zeit im Bett haben Sie mit Ausnahme von 55 Minuten immer geschlafen », erklärt Jens Acker und widerlegt dadurch mein subjektives Empfinden, dass ich oft für längere Zeit wach gelegen bin und sehr oberflächlich geschlafen habe. Auch dem widerspricht nämlich die Analyse: Egal, ob Tiefschlaf oder Traumschlaf – mein Schlafverhalten zeigt keinerlei Auffälligkeiten. Und auch die gelegentlichen Beinzappler oder Schnarchler liegen im Normalbereich. Im Gegensatz zu vielen anderen Schläfern (vom Kind bis zum Greis), welche die KSM aufsuchen. Erst die genaue Auswertung zeigt ihnen, woran sie leiden und wo die Lösung liegen könnte. In vielen Fällen können so die Schlaffachleute mithelfen, die Lebensqualität eines Menschen wieder massiv zu verbessern.

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