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Warum ist unser Darm ein Wunderwerk?

Der Darm ist ein unterschätztes Multifunktionsorgan: Er wehrt fleissig Krankheitskeime ab und bildet Hormone, die unser Wohlbefinden beeinflussen. Zeit, ihn aus der Tabuzone zu holen.

Wenn wir eine schwierige Nachricht erhalten, müssen wir diese erst einmal verdauen. Sorgen schlagen uns auf den Magen. Eine fiese Bemerkung stösst uns sauer auf. Sind wir ausgesprochen nervös und gestresst, kriegen wir Durchfall: Die Art und Weise, wie der Magen-Darm-Trakt Eingang in die Sprache gefunden hat, aber auch, wie er auf unseren Gemütszustand reagiert, ist vielsagend und Beweis genug, dass der Darm nicht auf seine Verdauungsfunktion reduziert werden sollte. Nun hat er endlich eine Fürsprecherin gefunden: Die Medizin-Doktorandin Giulia Enders schrieb eine regelrechte Liebeserklärung an das meistunterschätzte Organ des Menschen. «Darm mit Charme» heisst das Werk, das sich an Laien richtet und ihnen die Augen öffnet für das, was in ihrem Körper Grossartiges geleistet wird.

Zu Unrecht einen anrüchigen Ruf

Nur wenige wissen, wie der Darm eigentlich funktioniert. Giulia Enders führt dies auf seinen anrüchigen Ruf zurück, ist doch sein Inhalt nicht gerade appetitlich. Und das «stille Örtchen» heisst nicht umsonst so. Nur ungern reden die Menschen über Dinge wie den Stuhlgang, eine höchst private Angelegenheit, obwohl doch jeder weiss, dass sich selbst Könige und Kaiser auf diesen Thron der anderen Art setzen müssen. Wobei das Unwissen hier schon anfängt, denn eigentlich sollten wir hocken und nicht sitzen, wenn wir das grosse Geschäft verrichten. «Unser Darmverschluss- Apparat ist nicht so entworfen, dass er im Sitzen die Luke vollständig öffnet», erläutert Giulia Enders. Die Hocke, in welcher der Darmkanal schön gerade wird, wäre also unsere natürliche Kloposition. «Das moderne Sitztoilettengeschäft gibt es erst seit der Indoor- Kloschüssel-Entwicklung im späten 18. Jahrhundert», so Enders. So ist wenig erstaunlich, dass es Hämorrhoiden oder auch Verstopfungen fast nur in Ländern gibt, in denen man beim Stuhlgang – nomen est omen – auf eine Art Stuhl geht.

Der Mensch ist, was er isst

Aber eben, wir wollen jetzt nicht der tendenziellen Neigung verfallen, den Darm auf das Endprodukt seiner Verdauungsfunktion zu reduzieren oder ihn als blossen Nährstofflieferanten zu sehen. Die Darmflora – bestehend aus Billionen von Bakterien – beeinflusst unseren Gesundheitszustand massgeblich. Die Darmbakterien trainieren unser Immunsystem und schützen vor unerwünschten Keimen, helfen bei der Bildung von Vitaminen und neutralisieren Gifte. Immerhin 80 Prozent unseres gesamten Immunsystems befinden sich im Darm. Mit seinen Millionen Nervenzellen sammelt er kontinuierlich Infos über unseren Allgemeinzustand.

Sogar Übergewicht kann nicht losgelöst von der Darmflora betrachtet werden: Bestimmte Bakterien im Darm können dafür sorgen, dass Menschen dick werden, obwohl sie nicht mehr Kalorien als dünnere Menschen zu sich nehmen. So sind im Darm von übergewichtigen Menschen oft mehr bakterielle Gene für den Abbau von Kohlenhydraten zu finden. Wir sind aber nicht einfach ein Opfer unserer Bakterien und ihrer Wirkung auf das Gemüt. Was wir essen und wie wir leben, beeinflusst auch unsere Darmflora. Bakterienforscher gehen zum Beispiel davon aus, dass bei dauerhaftem Stress im Darm andere Bakterien überleben, als wenn man gelassen durchs Leben geht. Diese Bakterien kommen zwar mit Stresssituationen klar, drücken aber auf die Stimmung. «Damit wären wir praktisch eigene Gärtner der Welt im Bauch», so Giulia Enders.

Darm und Hirn sind verknüpft

Dass der Darm unser Wohlbefinden beeinflusst, steht mittlerweile ausser Zweifel. Der Darm ist nämlich über ein Nervensystem und über seine riesige Fläche auch eng mit dem Hirn verknüpft. Das zeigt sich nur schon daran, dass der Mensch genau weiss, welches die Bedürfnisse seines Magen-Darm-Traktes sind, also wann er eine Toilette aufsuchen sollte. Umgekehrt wirkt sich zum Beispiel grosse Angst auf die Tätigkeit des Dickdarms aus. «Er hat dann nicht mehr genug Zeit, um Flüssigkeit zu resorbieren, und das Ergebnis ist Angstdurchfall», so Giulia Enders. Diese Art von Durchfall ist eine Strategie des Darms, mit dem erhöhten Energiebedarf des Gehirns fertigzuwerden, der durch die Stresssituation entstanden ist – er will die Nahrung frühzeitig loswerden.

Die Art und Weise, wie Darm und Hirn zusammenwirken, lässt den Menschen als ein komplexes Ökosystem erscheinen. Hormone, die im Darm ausgeschüttet werden, können auf direktem Weg die Gefühls- und Stimmungslage beeinflussen. Umgekehrt wirken sich im Gehirn gebildete Hormone auf die Darmtätigkeit aus. Im positiven Fall spüren die Betroffenen Schmetterlinge im Bauch, im negativen Fall macht sich Durchfall bemerkbar. «Unser Ich besteht aus Kopf und Bauch», bringt es Enders auf den Punkt. Bei Menschen mit einem gereizten Darm kann die Verbindung vom Darm zum Hirn eine grosse Belastung darstellen – Betroffene leiden überdurchschnittlich häufig unter Angstzuständen oder Depressionen. Das gilt auch für Menschen mit einer chronischen Entzündung im Bauch.

Wohlbefinden nicht nur eine Kopfsache

«Grummelige Stimmungen, Freude, Unsicherheit, Wohlbefinden oder Sorgen kommen nicht nur isoliert aus dem Schädel», so Enders. Die Medizinerin kritisiert, dass die «Verkopfung unserer Wissenschaft» uns blind dafür gemacht hat, dass auch unser Ich mehr als das Gehirn ist.
Wir tun also gut daran, dem Darm in Zukunft etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken – und nicht erst, wenn er nicht mehr so funktioniert, wie er sollte.

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