Wann die Mandeln wirklich raus müssen
(Gettyimages)

Wann die Mandeln wirklich raus müssen

Mandel-Operationen haben keine Langzeitfolgen, so hiess es bislang. Eine grosse Studie bezweifelt dies. Unabhängig davon ist ein Eingriff gut zu überlegen.

Gaumen- und Rachenmandeln erfüllen im Körper eine wichtige Funktion. Als Teil des Immunsystems bekämpfen sie Krankheitserreger sofort und zuverlässig. Doch auch die Mandeln selbst können Kummer machen. Sind sie zu gross oder wiederholt entzündet, werden sie oft entfernt.

«Bisher ging man davon aus, dass eine Mandel-Operation keine negativen Folgen für die Zukunft hat», sagt Séverine Niederer-Wüst, HNO-Oberärztin am Kantonspital St. Gallen. Eine neue internationale Studie bringt jetzt allerdings andere Ergebnisse. 1,2 Millionen Kinder wurden dafür 10 bis 30 Jahre nach ihrer Operation beobachtet. Jene rund 61 000 Kinder, bei denen die Rachen- oder Gaumenmandeln oder beides vor dem 9. Lebensjahr entfernt wurden, hatten ein erhöhtes Risiko für Asthma oder die chronische Lungenkrankheit COPD.



Séverine Niederer-Wüst zieht daraus keine voreiligen Schlüsse. «Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die keinerlei Kausalität aufzeigt.» Die Grundursache sei zu wenig betrachtet worden. So seien Kinder mit Infektionen der Atemwege, Asthma oder Allergien häufiger bei Spezialisten und würden somit eher operiert als gesunde Kinder. In diesem Fall sei die genetische Veranlagung schon vor der OP vorhanden. Zudem gebe es weitere Faktoren, die Atemwegs-Erkrankungen begünstigen, etwa rauchende Eltern. Darauf sei die Studie nicht eingegangen.

Mandeln nur bei bestimmten Kriterien entfernen

Unabhängig vom Studienergebnis sollte man die Vor- und Nachteile einer Operation abwägen. Die Mandeln vorsorglich zu entfernen, wie es früher üblich war, wird schon lange nicht mehr gemacht. Bei Gaumenmandeln orientieren sich HNO-Ärzte heute an den «Paradise-Kriterien».

Danach kommt ein Eingriff in Frage, wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene in einem Jahr mindestens sieben bakterielle Hals-Infektionen haben. Oder in zwei aufeinanderfolgenden Jahren mindestens fünf beziehungsweise in drei aufeinanderfolgenden Jahren mindestens drei Infekte pro Jahr. Auch Abszesse im umliegenden Bindegewebe können eine Operation notwendig machen. Ebenso Tumore oder der Verdacht darauf. Die Mandeln sind dann häufig auf einer Seite verändert oder vergrössert.

Verkleinern statt herausnehmen

Statt Gaumenmandeln ganz zu entfernen, werden sie heute manchmal nur verkleinert. Dies hilft beispielsweise Kindern mit massiven Atembeschwerden. Die Vorteile: Das Risiko einer Nachblutung ist geringer, die Schmerzen nach der Operation sind schwächer und die Mandeln behalten ihre immunologische Funktion. In wenigen Fällen können diese aber nachwachsen oder sich erneut entzünden.

Bei Kindern unter 7 Jahren sind die Rachenmandeln oft vergrössert. Entfernt werden diese vor allem bei nächtlichen Atemaussetzern wegen verengter Luftwege (Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom). In diesem Fall nehmen Ärzte manchmal auch gleich die Gaumenmandeln heraus. Auch bei Kindern, die kaum Luft durch die Nase bekommen und immer durch den Mund atmen, kann eine Operation sinnvoll sein. Ebenso bei häufigen Mittelohrentzündungen oder wenn das Hören erschwert ist und sich dadurch der Spracherwerb verzögert.

Auf eine Mandel-Operation verzichten sollten Patienten, die an einer schweren Krankheit leiden, nicht narkosefähig sind oder eine Blutgerinnungsstörung haben.

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