Luftverschmutzung: Wie sauber ist unsere Luft?
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Luftverschmutzung: Wie sauber ist unsere Luft?

Schweizer Luft ist sauber, aber noch nicht sauber genug, sagt Hugo Amacker von Bundesamt für Umwelt. Welche Schadstoffe ein Problem sind. Und was wir alle tun können, sie zu minimieren.

Herr Amacker, „Luft ist Leben“, lautet ein bekannter Slogan. Wie gefällt er Ihnen?

Gut, denn er bringt es auf den Punkt. Der Mensch atmet pro Tag rund 15 000 Liter Luft ein. Das entspricht 15 Kilogramm. Sie ist ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste „Lebensmittel“. Ohne Nahrung hält man, je nach Fettreserven, ein paar Wochen durch. Ohne Wasser ein paar Tage. Ohne Luft jedoch nur ein paar Minuten. Dies allein ist Motivation genug, sich für saubere Luft einzusetzen.

Saubere oder gar reine Luft – wo gibt es das noch?

Wahrscheinlich nirgends mehr auf dem Planeten. Was freilich mit den heutigen, ausgeklügelten Messmethoden zusammenhängt, die tiefste Konzentrationen messen können. Selbst an unserer höchst gelegenen Messstation auf dem Jungfraujoch – sie ist fernab von starken Schadstoffquellen – ist die Luft nicht rein. Wir können dort beispielsweise Schwefeldioxid aus Gebieten in Europa nachweisen, wo noch viele Kohlekraftwerke in Betrieb sind.

In hohen Konzentrationen?

Nein, die Werte sind tief. Die Messungen zeigen uns aber, dass Schadstoffe über lange Strecken transportiert werden. Global gibt es alles, von tiefer bis extremer Belastung. Sässen wir jetzt in Neu-Delhi, hätten wir Werte, die wir bei uns nie hatten und kaum je haben werden. Sie liegen ein Vielfaches über den gängigen Grenzwerten.

Stimmt es, dass die Luftverschmutzung weltweit gesehen zunimmt?

Ja, und dies mit enormen Folgen. Laut aktuellen Studien wird verschmutzte Aussen- und Innenluft für weltweit 6,5 Millionen frühzeitige Todesfälle verantwortlich gemacht. In der Schweiz sterben jährlich etwa 3000 Personen vorzeitig wegen Luftverschmutzung. Rund 300 von ihnen an Lungenkrebs.

Das Bundesamt für Umwelt betont doch oft, die Luftqualität sei in der Schweiz besser geworden.
Das ist auch korrekt. Die Luftqualität hat sich bei uns in den letzten 30 Jahren markant verbessert, etwa durch strengere Vorschriften für Heizungen, Industrieanlagen und Motorfahrzeuge, den herabgesetzten Schwefelgehalt im Heizöl oder bleifreies Benzin. Die meisten Grenzwerte werden heute eingehalten. Dennoch ist die Luft noch immer nicht sauber genug und schädigt Mensch und Umwelt.

Welche Schadstoffe sind das grösste Problem?

Für die menschliche Gesundheit ist es neben dem Stickstoffdioxid und dem bodennahem Ozon, bei dem im Sommer die Grenzwerte regelmässig überschritten werden, der Feinstaub. Die winzigen Partikel entstehen beim Verbrennen von Benzin, Öl oder Holz, aber auch durch mechanischen Abrieb von Reifen, Bremsen oder Strassenbelag. Man spricht hier vom primären Feinstaub. Er unterscheidet sich vom sekundären Feinstaub, der sich erst in der Luft aus Vorläuferschadstoffen wie Schwefeldioxid, Ammoniak oder flüchtigen organischen Verbindungen bildet.

Warum ist die Feinstaubbelastung in der kalten Jahreszeit höher?

Zum einen wird mehr geheizt, neben fossilen Brennstoffen auch mit kleinen Holzheizungen, die mehr Schadstoffe ausstossen. Zum anderen verhindern Inversions-Wetterlagen den Austausch mit sauberen Luftmassen – wir sitzen in vielen Regionen unter einem Deckel im grauen Wintersmog. Immerhin haben wir in der Schweiz eine vielfältige Landschaft. In höheren Lagen oder im Gebirge ist die Luftqualität dann deutlich besser.

Welche Auswirkungen haben die Schadstoffe auf die Gesundheit?

Feinstaub und Stickstoffdioxid verursachen Entzündungen der Atemwege und schädigen das Herz-Kreislauf-System. Kinder und Ältere sind besonders gefährdet. Ausserdem Menschen, die bereits erkrankt sind, beispielsweise unter Asthma leiden. Wer lange hohen Feinstaubbelastungen ausgesetzt ist, kann chronische Krankheiten wie Bluthochdruck oder gar Lungenkrebs entwickeln.

Bei der Luftbelastung mischen alle mit. Sollten sich deshalb alle in der Verantwortung fühlen?

Ja, und dies ist auch die Strategie der Schweiz. Bessere Luft bekommen wir nicht mit einer Supermassnahme, die auf einen Schlag alle Probleme löst. Wir müssen das Ziel durch dauerhafte Verbesserungen bei allen Schadstoffquellen erreichen.

Welche Verbesserungen genau?

Etwa mit weiter verschärften Grenzwerten bei Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft sowie durch strengere Abgasvorschriften bei Fahrzeugen. Diese haben heute zwar weit bessere Werte als früher, sind aber noch immer nicht da, wo sie sein könnten. Und weil Luftverschmutzung an den Landesgrenzen nicht haltmacht, sind wir weiterhin auf internationale Abkommen angewiesen. Darin werden die Länder verpflichtet, Schadstoffe in einer bestimmten Zeit auf einen definierten Wert zu reduzieren.

Was kann jeder einzelne im Alltag tun?

Ein grosser Treiber der Luftverschmutzung ist unser Konsumverhalten – was wir kaufen, wo und wie es hergestellt, wie weit es transportiert wird. Die andere Frage ist, wie wir uns fortbewegen. Wer zur besseren Luft beitragen will, sollte Fahrzeuge mit tiefen Abgas- und Verbrauchswerten wählen. Oder überlegen, ob es doch besser ist, den Zug zu nehmen oder mal aufs Velo zu steigen.

Und ob fliegen wirklich sein muss?

Auch dies. Bei einer Flugreise nach Asien werden hin und zurück gegen 20 000 Kilometer zurückgelegt. Dabei wird neben Luftschadstoffen auch so viel vom Treibhausgas CO2 ausgestossen, wie eine Person in der Schweiz durchschnittlich pro Jahr mit dem Auto produziert.

Hugo Amacker

Hugo Amacker ist beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) stellvertretender Sektionschef. Der Physiker ist Spezialist für Luftreinhaltung und Messtechnik. Er arbeitet mit dem 1979 gegründeten NABEL, dem Nationalen Beobachtungsnetz für Luftfremdstoffe, zusammen. Dieses wird vom BAFU und der Empa betrieben und unterhält aktuell16 Mess-Stationen. Das NABEL beteiligt sich auch an internationalen Programmen. Die Station auf dem Jungfraujoch gehört zum Global Atmosphere Watch, einem weltweiten Beobachtungs-Netz, das Luftschadstoffe und klimarelevante Stoffe in der Atmosphäre misst.
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