Kann haltungskorrigierende Kleidung die Körperhaltung verbessern?
(Gettyimages)

Kann haltungskorrigierende Kleidung die Körperhaltung verbessern?

Sie sind mittlerweile auch in der Schweiz zunehmend verbreitet – Shirts, die gegen Verspannungen helfen, sowie Leggins, die die Gesässmuskulatur trainieren, anheben und formen sollen. Trotz hoher Kosten verkauft sich haltungskorrigierende Kleidung sehr gut, denn die angepriesene Wirkung klingt verlockend.

Unsere Körperhaltung beeinflusst unser Wohlbefinden massgeblich und führt häufig zu Verspannungen. Bewegen wir uns wenig und sitzen viel, verspannt die Muskulatur und bringt uns auf lange Sicht in eine Fehlhaltung. Sogar die Lungenfunktion wird erwiesenermassen eingeschränkt, wenn beispielsweise die Brust- und Halswirbelsäule zu stark nach vorne geneigt ist. Doch nicht nur das – es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass die Körperhaltung einen Einfluss auf die Psyche hat.

Taktile Reize beeinflussen die Körperhaltung

Genau darauf berufen sich auch die Hersteller haltungskorrigierender Kleidung. Sie soll die typischen Fehlhaltungen korrigieren. Wie?

Die Kleidung ist so gefertigt, dass sie an bestimmten Stellen eine leichte Zugkraft aufbaut. Die Schulterblätter werden beispielsweise nach hinten unten gezogen, die Brustwirbelsäule richtet sich gleichzeitig auf, die dafür zuständigen Muskeln, sollen verstärkt aktiviert werden. Diese taktilen Reize helfen dem Körper aus der typischen «Bürohaltung» heraus und brechen gewohnte Haltungsmuster auf, so die Hersteller. Ausserdem soll sich dadurch der Brustkorb öffnen und damit die Atmung vertiefen.

Sensorische Reize stimulieren die Muskulatur

Bill Schultz entwickelte 2005 in den USA das erste Kleidungsstück. Aus eigener Not heraus sozusagen – denn er litt an chronischen Rückenschmerzen. Nachdem sein Arzt ihm die Operation zur Wirbelsäulenversteifung empfahl, machte er sich auf die Suche nach einer Alternative und liess sich von der Wirkung der Kinesio-Tapes inspirieren.

Wie bei den Kinesio-Tapes sollen neben den taktilen Reizen die unterschiedlich verstärkten Strukturen im Kleidungsstück auch sensorische Reize hervorrufen. Das heisst, dass sogenannte «Neurobänder» die Haut anregen und so die darunterliegende Muskulatur stimulieren sollen.

Studien gibt es vor allem zur Wirkung von Kinesio-Tapes. Ein Beispiel: Der Transversus abdominis gehört zu den Bauchmuskeln und ist einer der wichtigsten Muskeln, die den Rumpf stabilisieren. Eine Forschungsgruppe zeigte, dass Muskeln durch Anbringen eines entsprechenden Tapes vermehrt aktiviert werden. Man geht also davon aus, dass Tapes Muskeln stimulieren können. Genau diese Annahme macht sich haltungskorrigierende Kleidung zu Nutzen.

Ersetzt haltungskorrigierende Kleidung das Training?

Haltungskorrigierende Kleidung wirkt auf den Körper ein indem er seine Haltung verändert. Wird der Körper aber nur passiv aufgerichtet, ist die Frage ob sie so die Haltung überhaupt nachhaltig verbessern kann. Möglicherweise hat sie den Nebeneffekt, dass sich die Muskeln an die Unterstützung gewöhnen, der Körper sozusagen «abhängig» wird und so nur Beschwerden, nicht aber die Ursachen behandelt werden.

Fabian Hofmann, Geschäftsführer von Anodyne Schweiz, widerspricht dem. Seiner Meinung nach ist genau diese Vorstellung Grund für das Misstrauen vieler. Haltungskorrigierende Kleidung nehme dem Körper im Gegensatz zu Korsetts nicht die Halteaufgabe ab, sondern aktiviert erforderliche Muskeln. Gleichzeitig betont er: Die Kleidung ist kein Ersatz für ausreichende Bewegung und ausreichendes Training.

Um die Haltung nachhaltig zu verbessern, sollte ein aktives Training muskuläre Dysbalancen ausgleichen und Bewegungseinschränkungen beheben. Genau das kommt im Arbeitsalltag häufig zu kurz. Befürworter der haltungskorrigierenden Kleidung beteuern, dass die Kleidung den Körper an die aufrechte Haltung erinnert. Dieser Erinnerungseffekt ist bisher aber nicht nachgewiesen. Auch nicht geklärt ist, ob sich die Atmung vertieft und nicht sogar durch den Widerstand des Shirts erschwert wird.

Wirkung nicht nachgewiesen

Seit der Einführung auf dem Schweizer Markt verkaufen sich Produkte der Firma Anodyne extrem gut. Im Vergleich zu 2017 ist der Verkauf 2018 laut Fabian Hofmann um 100% gestiegen. Gibt ihm der Erfolg Recht? Dazu ist die derzeitige Studienlage noch zu dünn. Existierende Studien befassen sich mehrheitlich mit Kinesiotapes, Die Wirkung von haltungskorrigierender Kleidung wurde bisher nur in einzelnen kleineren Studien untersucht. Viele Nutzer und Experten berichten von positiven Effekten auf ihre Haltung, andere sehen keinen grossen Effekt auf Verspannungen. Der Hersteller ist überzeugt von seinem Produkt und bietet deshalb ein Rückgaberecht innerhalb von 14 Tagen.

Letztendlich kann die Kleidung unterstützen und taktil Hilfestellung geben, sodass wir uns aufrichten. Kostengünstiger ist es, wenn wir gezielt trainieren. Es erfordert zwar mehr Zeit und Arbeit, ist aber mindestens genauso effektiv und hat zudem viele positive Nebeneffekte.

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