Impfen:«Ein Akt der Solidarität»

Bei der Qualität will niemand Kompromisse eingehen. Bei der Gesundheit geht die Mehrheit der Schweizer so weit, dass sie Medikamente ohne Nebenwirkungen wollen. Leider hat jedes Medikament, das wirkt, auch Nebenwirkungen. Das kann man umdrehen: Ein Medikament, das keine Nebenwirkungen hat, hat auch keine Wirkung.

Werfen Sie also alle Präparate in den Abfalleimer, die keine Nebenwirkungen haben. Falls ein derartiges «Medikament» bei Ihnen trotzdem wirkt, sind Sie nicht krank, oder Sie beobachten an sich eine normale Selbstheilung, die Placebowirkung. Die Qualität eines Medikamentes wird unabhängig von der Meinung des Patienten festgestellt. Man tut dies an Hand von klinischen Studien. Das Argument «Bei mir hat es gewirkt!» ist gleich wertvoll wie die Meinung einiger Zeitgenossen, die Welt sei flach.

Während der letzten zwei Pandemiehysterien, die ja nur normale Grippejahre waren, kriegte ich Telefonate von besorgten Müttern, die ihre Kinder impfen lassen wollten. Die Impfstoffe waren allerdings noch nicht für Kleinstkinder zugelassen, was meist zu einer Empörung der besorgten Mütter führte. Fragte ich die Mütter, ob sie bereit wären, an ihrem Kind einen Impfstoff zu testen, fand sich keine, die dazu bereit gewesen wäre. Qualität zu fordern, ist also nicht sehr schwierig. Selber einen Beitrag zu leisten, ist schon etwas schwieriger.

Die meisten Patienten verstehen unter Qualität im Gesundheitswesen bloss das persönliche Wohlergehen. In anderen Lebensbereichen sind wir nüchterner. Niemand würde freiwillig in ein Flugzeug steigen, wohl wissend, der Pilot ist besoffen. Es protestiert aber kaum jemand, Beda M. Stadler in ein Spital oder in eine Praxis zu gehen, wo die meisten Pflegenden nicht gegen die Grippe geimpft sind. Das ist eigenartig, sterben doch jährlich wesentlich mehr Menschen an der Grippe als an Flugzeugabstürzen. Impfen hat in dem Sinn eben nichts mit Eigennutz, also Schutz vor Ansteckung, zu tun, sondern ist ein Akt der Solidarität. Wer Menschen betreut, die von einem abhängig sind, von der Kindergärtnerin bis zum Gefangenenwärter, sollte geimpft sein, genauso wie wir erwarten, dass Piloten und Chauffeure nüchtern sind.

Das beste Mass für Qualität im Gesundheitswesen scheint mir daher unser eigenes biologisches Programm zu sein: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.» Früher nannte man dieses Verhalten «Moral». Heute weiss man, jeder hat es, nicht gleich stark ausgeprägt, aber immerhin.

Beda M. Stadler, geboren 1950 in Visp (VS), ist emeritierter Professor und war Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern. Er ist bekannt für seine bissigen Aussagen zu medizinischen sowie gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen.

Beitrag aus der gesundheitspolitischen Publikation „im dialog“ 1/2015

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