Barfussschuh bis Laufanalyse im Laufsport: was macht Sinn?
(Gettyimages)

Barfussschuh bis Laufanalyse im Laufsport: was macht Sinn?

3D-Laufanalysen, Sensorsohlen oder Individualanfertigungen: Technologien rund um den Fuss bieten heute umfassende Möglichkeiten, die – so scheint es – jedes Fussproblem lösen können. Gleichzeitig etablieren sich Barfussschuhe. Wie passt das zusammen?

3D-Laufanalysen – die Alleskönner?

Dreidimensionale Bewegungsanalysen erfassen mithilfe von Infrarotkameras und Bewegungsmarkern, die an den wichtigen Punkten am Körper angebracht werden, millimetergenaue Gelenkbewegungen. Sie bieten unter anderem die Grundlage für massgefertigte Fusseinlagen oder Laufschuhe. Ausführliche Laufanalysen sollten aber auch erkennen: Welche Schwächen hat der Läufer? Wie kann er sie verbessern und welche Trainingsempfehlungen gibt man ihm? Das gibt dem Läufer die Möglichkeit, seinen Laufstil zu optimieren, Beschwerden zu reduzieren indem er Fehler oder Ausweichbewegungen erkennt und trainiert.

Sensorsohlen gewähren Blick durch den Schuh hindurch

Eine weitere Technologie sind sogenannte Sensorsohlen. Sensoren vermessen in einer speziell entwickelten Fusssohle zwar nicht den ganzen Körper, wie das bei der 3D-Laufanlyse der Fall ist, dafür aber die Druckverteilung auf die Fusssohle über längere Zeit. Sie bieten gar dem Sportler die Möglichkeit, sein Gangbild und das Abrollverhalten zu analysieren. Der gerade absolvierte 10-Kilometer-Lauf kann so via App direkt ausgewertet werden. Aber braucht es derart genaue Informationen? Was sicher ist: Diese Informationen ermöglichen bei Fehlstellungen und im Leistungssport, den Laufstil zu optimieren. Zudem stellen Ärzte und Orthopädietechniker auf der Grundlage dieser Laufanalysen beispielsweise korrigierende Einlagen nach Mass her.

Orthopädische Einlagen, eine «Verschlimmbesserung» nach Mass?

Schätzungen sagen, dass fast jeder zweite Schweizer im Verlauf seines Lebens mit Fussproblemen kämpft. Mit mechanischen Einlagen werden Fehlstellungen vorwiegend passiv verändert. Studien zeigen, dass Beschwerden oftmals sehr schnell gelindert werden, was ein Vorteil ist. Offen bleibt jedoch, ob der Grund für die Schmerzen beseitigt wird. Denn es erinnert den Läufer zwar an die «richtige» Position, macht diese aber auch langfristig oft von der Einlage abhängig und trainiert nicht unbedingt die Muskulatur und Stabilität, die er braucht, um die Schmerzen zu lindern.

Stimulieren sensomotorische Einlagen die Muskulatur?

Neben mechanischen Einlagen gibt es sogenannte sensomotorische Technologien. Im Vergleich sollen diese die Rezeptoren an der Fusssohle mit verschiedenen Unterlagen stimulieren und so bestimmte Muskeln aktivieren. Forscher beobachteten mehr Aktivität in Wadenbeinmuskeln, wenn sensormotorische Einlagen getragen wurden. Allerdings ist nicht klar, ob es einen Langezeiteffekt gibt und ob das auch für andere Muskeln gilt. Es wird sich zeigen, ob diese Methode die Fussposition nachhaltig beeinflussen kann.

Einlagen können Sinn machen

Sucht man bei einer Laufbandanalyse gleichzeitig den Grund einer Fehlstellung, kann die Fussposition nicht nur mechanisch verändert werden, es werden ausserdem Gründe für die Schmerzen gefunden. Je nach Fussstellung, Beweglichkeit und Anforderungen machen Einlagen Sinn. Sportmediziner gehen jedoch davon aus, dass Fussfehlstellungen nicht nur mit Einlagen behandelt werden sollten: das Training sollte 50% ausmachen und damit einen gleichgrossen Teil der Behandlung verantworten. Noch stärker in diese Richtung geht der Trend zu Barfussschuhen und sogenannten Minimalschuhen, die den Fuss nur wenig stützen.

Natural Running

In den 80er Jahren galt «dämpfen, stützen, führen» als Qualitätsmerkmal für Laufschuhe. Im Gegensatz dazu 2005 entwickelte der Kletterer und Industriedesigner Robert Flirt den ersten Barfussschuh. Deren Funktion wird auf das Minimum begrenzt. Das heisst: Schutz gegen Kälte und äussere Verletzungen. Im Gegensatz zur optimalen Anpassung des Schuhs an den Läufer gilt hier die Anpassung des Läufers an «natürliches Laufen» als Credo.
Eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Studien befassten sich in den letzten 10 Jahren mit den Effekten und fanden heraus, dass sich zum Beispiel die Laufökonomie bei trainierten Läufern verbessert und langfristig die Wadenmuskulatur stärker kräftigt. Gleichzeitig ist aber die Gefahr hoch, die eigenen Füsse zu überfordern.

Warum? Der Fuss hat sich an ganz andere Bedingungen angepasst – Schuhe übernehmen heute Teile seiner Aufgaben. Wenig verwunderlich sind deshalb die Ergebnisse einer Untersuchung, bei der die Umstellung auf einen Barfussschuh innerhalb von nur zehn Wochen den Fuss überforderten. Deshalb empfehlen Sportmediziner auch geübten Läufern, nur schrittweise und langsam umzustellen.

Laufen als Volkssport

Laufen ist weit verbreitet – gleichzeitig trugen in den letzten Jahren viele Läufer wenig stützende Laufschuhe. Dadurch überfordern unzureichend trainierte Läufer häufig ihren Körper. Die Folge sind wiederum Schmerzen. Denn Muskeln, Sehnen und Bänder sind nicht schrittweise für diese neue Art des Laufens trainiert worden. Genau das ist gemäss Befürwortern von dämpfenden und stützenden Schuhen das Problem: Ihre Muskulatur ist nicht darauf ausgelegt, barfuss zu laufen und ein Untergrund aus Teer eignet sich nur schlecht für den gefühlten Barfuss-Lauf.

Wie sich Technologie und Barfusslauf vereinen lassen

Die Entwicklung im Schuhmarkt zeigt es: Die Zahl unterschiedlicher Modelle steigt. Mittlerweile haben Läufer durchschnittlich circa fünf verschiedene Paare an Laufschuhen. Neben einem Trainingsschuh gehört ein Barfusschuh, Trailrunning und gegebenenfalls Wettkampfschuhe fast schon zum Standard.

Die Bandbreite von technologischen Hilfsmitteln, aber auch die Möglichkeit auf diese zu verzichten, ist gross. Letztlich geben Läufer, Laufstil, Intensität oder auch Fähigkeiten vor, was sinnvoll ist. Wichtig ist, unabhängig ob Laufsportler oder nicht:

  • Barfuss zu laufen ist ein optimales Training für die Fuss- und Beinmuskulatur.
  • Anpassungen sollten sehr langsam und schrittweise erfolgen, denn der Körper braucht länger um sich anzupassen.
  • Fehlstellungen können mit gezieltem Training verbessert werden.
  • Laufanalysen ermöglichen, Gewohnheiten und Schwächen aufzudecken – wenn sie nicht ausschliesslich darauf ausgerichtet sind, einen Schuh zu finden, der Schwächen möglichst ausgleicht. Sie können gezielte Trainingsempfehlungen geben und gleichzeitig helfen, den optimalen Laufschuh zu finden. Das kann der perfekt gestützte Schuh sein, auch in Kombination mit dem Barfussschuh für das Training.
  • Mit der zunehmenden Masse an verschiedenen Laufschuhen wird es immer wichtiger, dass Berater dem Kunden einen Überblick geben kann und ihm für seinen Bewegungsablauf und Trainingszustand einen passenden Schuh findet.
  • Auch wenn ein sehr gut ausgeprägtes Körpergefühl und Erfahrung ähnliche Erkenntnisse liefern könnte: Technologien bieten individuelle Möglichkeiten für jeden – vom Amateur bis zum Profi. Denn jeder Fuss ist unterschiedlich und die Anforderungen an ihn umso mehr.

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