Nahrungsmittelintoleranz

Nahrungsmittelintoleranz als Trenddiagnose?

Kann Milch, kann Gluten, kann Fruktose enthalten – auf Lebensmittelverpackungen treffen wir heute immer wieder auf diese Hinweise. Wir haben bei Brigitte Baru, Expertin der Stiftung aha! Allergiezentrum Schweiz gefragt, warum Nahrungsmittelintoleranzen so verbreitet sind und wie sie entstehen.

Brigitte Baru ist ausgebildete Ernährungsberaterin BSc SVDE und als Expertin bei der Stiftung aha! Allergiezentrum Schweiz tätig. Die Stiftung engagiert sich für über drei Millionen Menschen in der Schweiz, die von einer Allergie oder einer Intoleranz betroffen sind. Die aha!infoline bietet von Montag bis Freitag (8.30 bis 12 Uhr) kostenlose, persönliche Beratungen. Telefonnummer: 031 359 90 50. www.aha.ch

Frau Baru, immer mehr Personen erwähnen, dass sie an einer Nahrungsmittelintoleranz leiden. Ist das eine Trenddiagnose oder leiden heute tatsächlich mehr Personen an einer Intoleranz?

Jeder Fünfte ist heute von einer Intoleranz betroffen. Über die Zunahme von Nahrungsmittelunverträglichkeiten liegen uns keine Zahlen vor. Doch haben wir auf unserem Beratungstelefon aha!infoline in den letzten 10 Jahren deutlich mehr Anfragen dazu erhalten. Sicher hat sich die Diagnostik verbessert. Zudem ist das Bewusstsein in der Bevölkerung grösser. Inwiefern dies miteinander korreliert, können wir gemäss heutiger Datenlage aber nicht beurteilen.

Oft wird dem veränderten Essverhalten oder den chemischen Zusatzstoffen in Nahrungsmitteln die Schuld gegeben. Gab es früher denn keine Intoleranzen?

Es ist davon auszugehen, dass es bereits früher Intoleranzen gegeben hat. Häufig wurden Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Durchfall psychischem Stress zugeordnet. Anstelle einer konkreten Diagnose gab es lediglich die Empfehlung, eine Schonkost einzunehmen. In den letzten 15 Jahren wurde diese Betroffenengruppe sehr genau untersucht und genauere diagnostische Verfahren entwickelt. Deshalb können wir die Nahrungsmittelintoleranz heute beim Namen nennen.

Wie entstehen solche Nahrungsmittelintoleranzen?

Je nach Intoleranzart ist dies unterschiedlich. Bei einer Laktoseintoleranz nimmt zum Beispiel die Enzymaktivität der Laktase im Verlaufe des Lebens ab. Im Darm sind dann nicht mehr ausreichend Enzyme vorhanden, um die Laktose aufzuspalten. Ob diese Aktivität der Enzyme abnimmt, ist genetisch vorbestimmt.
Bei einer Zöliakie (Glutenintoleranz) schädigt der Kontakt mit Gluten – dem Klebereiweiss in vielen Getreiden – bei gewissen Personen die Darmschleimhaut. Dies ist genetisch bestimmt und die Beschwerden treten meist schon im Kindesalter auf. Und bei der Fruktosemalabsorption ist die Aufnahme von Fruktose individuell beschränkt. Beschwerden treten dann je nach Essgewohnheiten auf..

Gibt es Unverträglichkeiten die stärker verbreitet sind als andere?

Die Laktoseintoleranz ist mit 15 bis 20 Prozent Betroffener in der Schweizer Bevölkerung die häufigste Intoleranz, auch weltweit. Von einer Glutenintoleranz, also einer Zöliakie, ist rund ein Prozent der Menschen betroffen.

«Jeder Fünfte ist heute von einer Intoleranz betroffen»

Ist eine Intoleranz heilbar oder gibt es Medikamente, um die Symptome zu lindern?

Eine Intoleranz ist nicht heilbar. Betroffene lernen mit Unterstützung einer spezialisierten Ernährungsfachperson, wie sie den Alltag trotz einer Intoleranz gut managen können. Je nach Art der Intoleranz ist strikter Verzicht nötig, wie z.B. beim Gluten. Bei der Laktoseintoleranz vertragen die Betroffenen meist eine gewisse Menge Laktose. Zudem gibt es Medikamente in Form von Enzymtabletten, die kurz vor dem Essen eingenommen werden und so die Laktose in der Nahrung aufspalten. Bei der Histaminintoleranz kann das Enzym Diaminoxidase helfen, den Histamingehalt der Nahrung im Darm abzubauen.

aha! Allergiezentrum Schweiz ist vielen durch das aha!-Allergie-Gütesiegel auf der Milchpackung ein Begriff. Was steckt hinter dem Gütesiegel?

Das 2006 lancierte Allergie-Gütesiegel markiert laktosefreie und glutenfreie Produkte sowie Lebensmittel ohne Milch oder ohne Ei. Zudem fordern wir für die Konsumentinnen und Konsumenten zusätzliche Produktinformationen ein. Damit erhalten Betroffene, wenn sie Produkte wählen und Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die das Schweizer Allergie-Gütesiegel tragen, einen klaren Mehrwert an Sicherheit und Informationen.

Wie unterscheiden sich die gelabelten Produkte von anderen, bzw. wann erhält ein Produkt das Allergie-Gütesiegel?

Der Hauptunterschied ist: Produkte mit dem Allergie-Gütesiegel werden durch die unabhängige Zertifizierungsstelle Service Allergie Suisse geprüft. Diese Prüfung besteht aus drei Schritten: erstens wird untersucht, ob das Produkt den Anforderungen des Gütesiegels entspricht; zweitens beurteilen spezialisierte Ärzte, ob das Lebensmittel für Personen mit einer Intoleranz einen Mehrwert bietet und drittens wird bei der Herstellerfirma ein Audit durchgeführt, ob alle Auflagen erfüllt werden.

Auf welchen Lebensmitteln finden wir das Allergie-Gütesiegel?

Mittlerweile tragen über 500 Lebensmittel das Allergie-Gütesiegel und es kommen täglich neue dazu. Das Gütesiegel befindet sich auf gängigen Produktegruppen wie Brot und Backwaren, Süsses, Gewürze/Fette/Öle/Saucen, Molkereiprodukte, Milchersatzprodukte, Fertigprodukte, Beilagen, Riegel/Cracker/Snack/Apero, tiefgekühlte Produkte, Fleischwaren und sogar auf Wein.

Wie weit sind Lebensmittelkonzerne wie Migros oder Coop mit der Aufnahme von Lebensmitteln mit dem Allergie-Gütesiegel in ihr Sortiment?

Beide Konzerne bauen das Sortiment stetig aus. Es werden immer wieder neue Produkte oder Rezepturen entwickelt, um Personen mit Allergien oder Intoleranzen ein möglichst lückenloses Sortiment zu bieten.

Bei welchen Produktgruppen ist das Schweizer Allergie-Gütesiegel neben den gelabelten Nahrungsmitteln sonst noch zu finden?

Bei Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln, Haushaltgeräten wie Staubsauger und Luftreiniger, Pollenschutzgittern, Textilien und sog. Encasings, das sind milbendichte Überzüge für Matratzen und Bettzeug. Diese Produkte sind zum Beispiel für Menschen mit sensibler Haut oder Hausstaubmilbenallergie geeignet.

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