entschlacken
(gmevi / Thinkstock)

Sollte ich entschlacken?

Bald ist Frühling. Für viele Menschen höchste Zeit, ihren Körper zu entschlacken. Doch soll man das wirklich, und produzieren wir überhaupt Schlacke? Eine Fachfrau gibt Antwort.

Lucia Winzap*, wie viel Schlacke ist denn in uns drin?
LUCIA WINZAP: Der Begriff «Entschlackung» ist zwar – vor allem im Frühling – sehr populär. Er wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom deutschen Arzt Otto Buchinger geprägt, der 1920 eine Fastenklinik gründete. Allerdings fehlt bis heute eine Definition oder ein Nachweis von Schlacke in unserem Körper.

Wir reden hier also von einem Mythos?
Ein allgemein anerkannter Nachweis, dass der Körper therapeutisch «entgiftet» oder «entschlackt» werden kann oder gar muss, liegt nicht vor. Im Gegenteil: Während einer Fastenkur steigt die Schadstoffbelastung im Körper sogar an, gelangen doch beispielsweise im Fettgewebe gespeicherte Giftstoffe ins Blut.

Wie erklären Sie das den Menschen, die bei Ihnen Beratung holen?
Mir ist es wichtig, die Hintergründe und Motive zu kennen, weshalb eine Person fasten oder eben «entschlacken» möchte. Meine Aufgabe ist es, die ernährungsmedizinische und therapeutische Seite aufzuzeigen – wobei es weder ein grundsätzliches «falsch» noch «richtig» gibt. Für gesunde Personen ist eine Fastenwoche nicht schädigend und wird oft als gute Erfahrung beschrieben. Es gibt aber durchaus Personen, bei denen von einer Fastenkur abgeraten werden muss, etwa Menschen mit Essstörungen, Menschen mit Diabetes unter medikamentöser Therapie, Gichtpatienten oder Schwangere und Stillende.

Tatsache ist aber, dass viele von uns zu viele unerwünschte Stoffe zu sich nehmen: Alkohol, fettige Snacks, Fleisch im Übermass – kann der Körper das verarbeiten?
Ich möchte vorausschicken, dass ein gesunder Körper eine normale Mischkost verdauen kann. Stoffwechselendprodukte werden durch unsere Organe – Niere, Leber, Darm – problemlos ausgeschieden. Eine einseitige, unausgewogene und vor allem zu kalorienreiche Ernährung, kombiniert mit zu wenig Bewegung, hat aber in der Tat unerwünschte Auswirkungen auf den Körper. Folge davon ist einerseits Übergewicht, andererseits erhöht sich das Risiko für Diabetes, einige Krebserkrankungen sowie Herz- und Hirnschlagerkrankungen. Eine Woche, in der man sich dann plötzlich enthaltsam ernährt, kann daran nichts ändern.

Was ist denn die Alternative zum Fasten?
Wir sollten nicht knapp zu viel, sondern knapp genügend Nahrung zu uns nehmen. Ideal ist eine mediterrane Ernährung mit entzündungshemmendem Fettsäuremuster (Oliven-, Rapsöl, Alpenbutter, tierische Produkte mit artgerechter Fütterung, wenig Fertigprodukte). Zudem sollten wir nach Genusszeiten bewusst für einige Zeit ernährungsmässig zurückfahren. Es gilt, ein Gleichgewicht zwischen Genuss und Verzicht zu finden und dem Körper genügend Bewegung zu gönnen. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass wir heute nicht mehr Kalorien zu uns nehmen als in den 70er-Jahren. Hingegen verbrennen wir weniger Kalorien, weil wir uns das Leben gemütlich eingerichtet haben. Für den heutigen Bewegungsstil essen wir rund zwanzig bis dreissig Prozent zu viel.

 

 

Lucia Winzap, Ernährungsfachfrau:

*BSc in Ernährung und Diätetik, ist Leiterin
der Ernährungsberatung und -therapie in
der Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern.

 

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