Ist schlank = gesund?

Essstörungen haben viele Gesichter. Das moderne Schönheitsideal, aber auch der Mangel an körperlichen Aktivitäten und gesellschaftliche Entwicklungen unterstützen sie.

Die Schweiz bewegt sich gemäss Statistik in Sachen Essstörungen im Durchschnitt der anderen entwickelten Länder. Die Dunkelziffer ist jedoch sehr hoch. Wer hat nicht jemanden im Bekanntenkreis, der Essstörungen hat oder hatte oder dessen Kinder darunter leiden? Landläufig am bekanntesten dürften Magersucht (Anorexie) und Ess- Brech-Sucht (Bulimie) sein. Weniger bekannt ist die Esssucht ohne nachfolgende Handlungen wie Erbrechen, das sogenannte «Binge-Eating». Zwischen diesen einzelnen Krankheiten gibt es zahlreiche Mischformen. Auch Übergewicht kann eine Essstörung zugrunde liegen. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer leiden zudem an «Orthorexie», das heisst, sie befassen sich übermässig mit gesundheitsfördernder Ernährung (siehe nachfolgendes Interview).

Aktive, leicht Übergewichtige leben länger

Schlank gilt als gesund und Menschen, die abnehmen, schätzt man als willensstark und diszipliniert. Leute mit Magersucht und Ess-Brech-Sucht sind gesellschaftlich daher in der Regel von ihrer äusseren Erscheinung her besser anerkannt als Übergewichtige. Dies, obwohl man herausgefunden hat, dass Menschen mit leichtem Übergewicht (BMI zwischen 26 und 29, siehe «BMI») eine geringere Sterblichkeit haben als schlanke Menschen. «Gemäss neustem Stand des Wissens ist das, was früher mollig genannt wurde, häufig nicht nur nicht ungesund, sondern gesundheitsfördernd», sagt die Präsidentin des Experten- Netzwerks Essstörungen Schweiz, Dr. Erika Toman. Voraussetzung dafür ist allerdings regelmässige Bewegung. Es ist also Zeit für ein Umdenken, auch bei den Fachleuten.

Essstörungen betreffen nicht nur Teenager

Dass auch Frauen über 40 und Männer unter Essstörungen leiden können, ist ebenfalls noch wenig bekannt. Beide Gruppen scheuen sich eher, fachliche Hilfe zu beanspruchen. Tatsächlich tritt eine Essstörung nach 40 nicht aus heiterem Himmel auf. Auslöser sind oft Veränderungen rund um die Menopause und der damit verbundene hormonelle Wechsel. Eine scheinbar überwundene Essstörung in der Jugend kann so im mittleren Alter plötzlich wieder zum Thema werden. Esstörung

Welche Erfahrungen macht man auf der Beratungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen (AES) in Zürich mit all diesen heutigen Erscheinungsformen? Wir haben uns dazu mit der Fachberaterin der AES, der Psychologin Annette Bischof-Campbell, unterhalten.

Frau Bischof-Campbell, warum kommen in der Schweiz heute so viele Essstörungen vor?
Annette Bischof-Campbell: In der Pubertät erleben Jugendliche die eigene Entwicklung zum Mann oder zur Frau oft ambivalent. Früher hatte man mehr Freiräume und Bewegung und entwickelte so ein sichereres Körpergefühl. Heute haben Jugendliche weniger Gelegenheit, in ihren Körper «hineinzuwachsen» und sich darin wohlzufühlen. Zudem hat sich das Schönheitsideal gewandelt: Marilyn Monroe, die Kleidergrösse 42 hatte, würde heute als Pummelchen gelten. Gerade Zürich ist eine sehr «schlanke Stadt». Das setzt viele unter einen Druck, den man beispielsweise in den USA viel weniger hat.

Was können Eltern diesbezüglich zur Prävention von Essstörungen tun?
Wichtig ist es, den Mädchen und Jungen die Möglichkeit zu geben, sich auch körperlich zu erfahren, und zwar lustvoll. Da helfen beispielsweise körperliche Aktivitäten, die Spass machen. Egal, ob das nun Zumba, Bauchtanz, Schwimmen oder etwas anderes ist. Bewegungsaktivitäten in der Gruppe sind gut, um sich im Umgang mit anderen zu erleben; da fällt mir die Pfadi ein, ein Kampfsport wie Karate oder ein Mannschaftssport wie Fussball.

Wie gross sind die Erfolgsaussichten, wenn nicht die Betroffenen selber, sondern ihre Angehörigen bei Ihnen Rat suchen?
Die Angehörigen sind sehr wichtig. Es gibt für jede Essstörung auch Faktoren, die sie aufrechterhalten: Menschen mit Essstörungen erhalten oft viel Aufmerksamkeit von den Angehörigen, und sie können durch ihr Verhalten ihr Umfeld zu einem gewissen Grad steuern. Solche Muster gilt es zu erkennen und zu durchbrechen. Deshalb ist es oft sehr hilfreich, wenn die Angehörigen einbezogen werden.

Stellen Sie gewisse Trends in Sachen Essgewohnheiten der Schweizerinnen und Schweizer fest?
Immer mehr Menschen befassen sich gemäss eigenen Angaben übermässig mit gesundheitsfördernder Ernährung, wählen «gesunde» Nahrungsmittel, vermeiden «ungesunde» und folgen strikten Ernährungsregeln. Dieses im Fachjargon als Orthorexie bezeichnete Essverhalten tritt oft im Zusammenhang mit Essstörungen auf und kann zu Magersucht führen oder mit Bulimie oder «Binge-Eating» einhergehen (siehe Box). Der Körper entwickelt durch die einseitige Ernährung nicht selten Mangelerscheinungen. Orthorexie wird vor allem mit dem hohen Gesundheitsbewusstsein der Schweizer Bevölkerung erklärt.

Was raten Sie Betroffenen und ihren Angehörigen?
Suchen Sie auf jeden Fall Rat! Es gibt in der ganzen Schweiz entsprechende Beratungsstellen und eine Vielzahl von Informationen im Internet. Auf den folgenden drei Internetseiten finden Sie zahlreiche weiterführende Links.

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